Geistlicher Impuls zum 20.06.2024

Was für eine Sicht des Lebens spricht aus diesen Zeilen? Sie klingt zunächst recht ungewohnt, da sie nicht aus unserer Perspektive, sondern aus der Gottes, also sozusagen von oben her formuliert ist. Wird so ein Blickwinkel dem tatsächlichen Leben gerecht? Will man darauf antworten, so muss man zuvor die Gegenfrage stellen: Nach welchen Gesichtspunkten sehen und beurteilen wir unser Leben? Welche Wünsche oder Erwartungen richten wir an unser Leben? Die landläufigen Auskünfte setzen auf Gesundheit, Glück, Wohlergehen, Erfolg, Reichtum, Konsum oder Zufriedenheit. Hinterfragt man diese Bescheide auf ihre Konkretheit hin, dann werden entweder sehr nebulose Vorstellungen oder höchst präzise Sonderwünsche genannt, die weder mit dem tieferen Sinn noch mit dem Ernst und der Länge eines Lebens konform gehen. Ob sich dafür der ganze Einsatz, die Anstrengung, das Auf und Ab eines unverkürzten Lebens mit seinen Ansprüchen, Anforderungen und Zumutungen lohnt? Aufwand und Ergebnis bzw. Ziel scheinen in den meisten Fällen in einem groben Missverhältnis zueinander zu stehen. Unsere selbstgebastelten Perspektiven werden auf weite Strecken dem Leben selber oft nicht gerecht; sie sind zu kurzatmig, zu kleinkariert oder unrealistisch. Gottes Auge sieht unser Leben als Schonfrist. Darin steckt das Angebot der Freiheit, die Einladung zur Entfaltung und Entwicklung, die Möglichkeit des Wachsens und Reifens, ein Hinweis auf verständnisvolle Geduld und Sympathie. Der Fristcharakter unterstreicht den Ernst und die Bedeutung der Schonung. Gleichzeitig hat Gott auf uns das Auge der Erwartung gerichtet. Wir sind Erwartete. Unsere Lebenslinie läuft auf Gottes Erwartung zu. Unser Leben trägt damit seinen Lebenswert nicht schon in sich, es empfängt ihn von Gott her. Das macht es im Grunde interessant und noch mehr lebens- und liebenswert.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien