Geistlicher Impuls zum 28.06.2022

„Leibfreundlichkeit\" lautet eines der Schlüsselworte heutiger Lebenseinstellung. Es ist ein Stück Bekenntnis, das sich bewusst von einer als „leibfeindlich\" bezeichneten Auffassung abheben will. Gleichzeitig klingt es wie ein Programm, das den Leib als eigenständigen Wert entdeckt hat und dieser Einsicht zum Durchbruch zu verhelfen sucht. Die Gefährtenschaft von Leib und Seele reicht weit über das rein biologische Leben hinaus. Gewiss, unser Leib setzt dem Unendlichkeitsverlangen unseres Geistes in mehr als einer Hinsicht Grenzen, derselbe Leib aber bietet sich unserer Seele als ein Instrument an, auf dem sie zu spielen und sich auszudrücken vermag. An den strahlenden Augen, dem fröhlichen Lachen, dem beschwingten Gang, dem gelösten Atem oder der klingenden Stimme können wir wie an einem Seismografen ablesen, welche Stimmung im Inneren eines Menschen herrscht. In der Regel leben wir nicht leibfeindlich, wohl aber leibvergessen. Wir sind mehr in unserem Kopf als in unserem Leib zu Hause. Es ist zu spät, wenn wir erst durch Krankheit oder Unfall auf die stillen, aber ständigen Signale unseres Leibes aufmerksam werden. Unser Leib ist wie eine Tür, die uns den Zugang zu Menschen und Dingen öffnet und durch die diese Zutritt zu uns erhalten. Er gleicht einer Schatzkammer, in der Erfahrungen und Verhaltensweisen lagern und aufgesucht werden können. Wir bewohnen unseren Leib wie ein Haus mit unterschiedlichen Räumen und Regionen. Die Bibel nennt ihn sogar Tempel oder Haus Gottes und betrachtet ihn damit als einen Ort, der den Blick auf Gott freigibt. Unser ganzer Leib spricht seine eigene Sprache; er kennt kein „außen\", das nur äußerlich wäre. Es hat sein gutes Recht, wenn man betont, dass wir „leibhaftig\" leben, denken, beten, glauben usw. lernen sollen.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien