Geistlicher Impuls zum 21.09.2020

Benedikt erteilt an dieser Stelle „medizinische\" Ratschläge, die dazu dienen, Schäden, Ausfälle, Fehlhaltungen, Sünden und Böses zu kurieren. Er denkt darüber streng religiös, von der Warte des Glaubens aus. Wir würden im Unterschied zu ihm, sofern wir unter solchen negativen Erscheinungen überhaupt litten, die Aufgabe vor allem, wenn nicht ausschließlich, psychologisch angehen. Bar aller Psychologie ist allerdings der Therapievorschlag Benedikts nicht. Er erwähnt unter den behandelnden Maßnahmen „das Gebet unter Tränen\" und die „Reue\", eigentlich heißt es „das Punktieren oder Einstichmachen des Herzens\". Der Mensch ist weder nur Verstand noch nur Wille. Das Reich seiner Seele umfasst auch die Äußerungen, Strömungen und Werte des Gemüts, des Gefühls, der Emotionen, der Affekte oder Empfindungen. Tränen sind Ausdruck einer Erschütterung, die im Inneren ihren Platz hat. Ihr Auslöser sind nicht selten bestimmte Einsichten oder Erfahrungen, die über einen Menschen kommen. Sie sind in der Regel mit Schmerz, Leid und Trauer verbunden und zeigen einen Läuterungs- oder Reinigungsvorgang an, der auf eine personale Umstellung zielt. Im Kern vollzieht sich darin ein Loslassen von Falschem und Verkehrtem, das zugleich den Boden für Neues bereitet. In engem Zusammenhang damit ist auch die „Reue des Herzens\" zu sehen. Unser Herz kann sich leicht einen festen Panzer zulegen, wie die Redewendung vom harten oder steinernen Herzen belegt. Bei der Frage, wie dieses wieder in ein empfindsames Herz verwandelt werden kann, spielt die Forderung der Verwundung oder des „Einstichs\" im Herzen eine Rolle. Was kann einem verhärteten Herzen einen „Stich\" versetzen? Benedikt setzt dabei vor allem auf die heilende Kraft des Wortes Gottes, das den Hörer im Herzen trifft oder „sticht\" und damit den Prozess der Umkehr eröffnet.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien