Geistlicher Impuls zum 28.01.2022

Wohl kaum etwas widerstrebt uns so sehr wie falsche oder bucklige Demut. Ist das gemeint, wenn hier vom Apostel Paulus und seinem Beispiel die Rede ist? Der Wortlaut könnte dem Verdacht auf gespielte Demut oder Untertreibung recht geben. Was aber sagt die Erfahrung dazu, die dahinter steht? Wie ist es um unsere Erfolge und Leistungen bestellt? Tragen sie alle in der Tat nur unsere Unterschrift? Wir mögen wohl recht haben, dass es sie ohne unseren Einsatz, unsere Risikobereitschaft und unseren Idealismus nicht gäbe. Es lassen sich aber jederzeit auch Gegenbeispiele anführen, denen zufolge ähnlichen Bemühungen kein entsprechendes Ergebnis beschieden war. Woran lag oder liegt es? Wirklich nur an uns und unserer Anstrengung? Müssen dabei nicht auch noch andere Faktoren mitspielen, die nicht in unserer Hand sind? Wir nennen sie eine Portion Glück, günstige Umfeldbedingungen, gut gesinnte Mitarbeiter und Interessenten, Gesundheit, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen. Viele dieser Umstände lassen sich nicht zwingen oder machen, sie müssen einem zufallen, sich einstellen oder geschenkt werden. Es wäre müßig, am Ende eine prozentmäßige Aufteilung des Erfolgs vornehmen zu wollen. In den erwähnten Erscheinungen begegnen uns konkrete Varianten dessen, was der Glaube Gnade nennt. Sie hat bei vielem in unserem Leben ihre Hand im Spiel, ohne dass wir es ahnen oder wissen. Mit unseren Rechten, Ansprüchen oder Verdiensten ist es dann oft gar nicht so weit her. Das einzusehen und einzugestehen, wäre keine falsche Demut, sondern einfach Wahrheit.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien