Geistlicher Impuls zum 02.10.2022

Der stille Beter in einer Kirche mag heute weithin der Vergangenheit angehören, das Verlangen nach Stille ist dennoch nicht ausgestorben. Nicht wenige suchen bewusst Orte der Stille auf, üben sich in verschiedenen Formen der Meditation, pflegen und halten regelmäßig Zeiten der Stille. Ein Mensch, der ausdrücklich sich in die Stille begibt und in ihr verweilt, ist mehr als ein stiller Raum oder eine stille Zeit in der Nacht. Er ist ein Bild der Sammlung, des angestrengten Lauschens, ein Zentrum verborgener Kraft, eine Schwelle des Geheimnisses. Seine Erscheinung verweist auf eine Welt, die hinter der Fassade unseres Lebens, unserer Reden und Tätigkeiten liegt. Der Stille ist nicht stumm, er spricht nur nicht; er ist auch nicht untätig, er tut nur nicht etwas. Er stellt sich selber, Augen, Ohren, Mund, Hände und Füße, sein Herz der Stille zur Verfügung, er lässt sie zu und in sich ein, er setzt sich ihr ohne Vorbehalte aus. Des Segens, der Kraft und der Wirkung der Stille wird kaum einer so inne wie der stille Beter. Er weiß zwar, dass er auch in der Stille mit Gedanken, Worten oder Empfindungen beten kann, aber das ist noch lange nicht alles. Das innerste Heiligtum der Stille betritt er dort, wo er die Stille beten lässt, wo er die Stille betet, ja wo die Stille sozusagen selber betet. Das ist da der Fall, wo in der Stille ihr Geheimnis oder Gott selber da ist und da sein kann. Da braucht es nichts anderes mehr. Die Stille wird zur Weise, wie Gott selber zu uns spricht. In ihr wird der Beter zu einem, der Gott zuhört. Wer die Stille einmal verkostet hat, der weiß, dass sie alles andere als langweilig, einsilbig und leer ist. Der Hunger und die Sehnsucht nach ihr lassen den Betroffenen nicht mehr los.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien