Geistlicher Impuls zum 10.08.2020

Unsere Essensgewohnheiten richten sich nach der jeweiligen Zeit und dem kulturellen Umfeld. In unseren Breiten legt man gegenwärtig darauf Wert, ernährungsbewusst zu leben. Das schließt nicht aus, dass der Blickwinkel, unter dem Fragen der Ernährung oder des Essens betrachtet werden, immer wieder auch wechseln kann. Es steht außer Diskussion, dass Benedikts diesbezügliche Vorstellungen für uns nicht mehr maßgebend sein können. Des ungeachtet bringt er einen Gesichtspunkt zur Sprache, der auch heute noch Beachtung verdient. An den Anfang seiner Überlegungen zum gemeinsamen Tisch stellt er dem lateinischen Original zufolge das Wort: „Es reichen bzw. genügen unserer Meinung nach...\\\" Hinter dieser Formulierung steckt eine Haltung, ein Programm, ein bestimmter Lebensstil. Benedikt ist ein Mensch des „Es genügt, es reicht\"; er weiß, wann „es reicht\" oder „genügt\". Das damit angesprochene „Wissen\\\" stellt eine zeitlose Maxime, Lebensweisheit und Aufgabe dar. Es erstreckt sich nicht nur auf Speise und Trank, wird aber gerade im Umgang mit ihnen besonders akut und augenscheinlich. Seine Steuerung verdankt sich nicht irgendwelchen Autoritäten, Zwängen oder Grundsätzen allgemeiner Art. Der Mensch des „es reicht\\\" trägt sein Maß gleichsam in sich selber; dieses sagt ihm, wann und dass „es genügt\\\". Der Betreffende hat sich selber in der Hand, er kennt sich selber und ist in sich selber zu Hause. Dieses «es reicht oder genügt\\\" bildet das Markenzeichen für eine höchst individuelle und bewusste Lebensweise, die sich selber besitzt und im Griff hat. Man würde ihr unrecht tun, wollte man sie mit irgendwelchen defizienten Einstellungen oder Verhaltensweisen in Verbindung bringen, da sie von einer entschiedenen Freiwilligkeit und bejahenden Überzeugung getragen wird.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien