Geistlicher Impuls zum 25.06.2019

Eine durchaus aktuelle Anweisung, die im Knigge oder in einem anderen Buch stehen könnte, das zu Anstands- und Umgangsformen anleitet. Wo Menschen zusammenleben, sind gewisse Spielregeln für das Miteinander unerlässlich. Diese einem Menschen beizubringen, ist eine Aufgabe der Erziehung und der Gewöhnung. Der Vorgang selber hat im Äußeren seinen Schwerpunkt, die Verhaltensweisen werden einem von außen her beigebracht, andressiert oder aufgeklebt. Die Frage, was der Betreffende selber davon hält und ob er sie innerlich bejaht und assimiliert, bleibt dabei außer Betracht. Das dabei möglicherweise auftretende Missverhältnis ist der Grund, warum das korrekte Benehmen unter Umständen recht steif, unterkühlt und teilnahmslos wirken kann. Benedikts Weisungen sind anders gemeint und liegen auf einer verschiedenen Ebene. Seine Verhaltensregeln wachsen von innen her, setzen eine entschiedene innere Einstellung voraus, die sich ihre entsprechenden äußeren Ausdrucksformen schafft. Anstand ist für ihn nicht das Ergebnis von Konvention, Dressur oder Erziehung; Anstand ist Herzenssache. Hinter den verschiedenen Formen und Formeln des Umgangs wird die tiefere Überzeugung sichtbar und spürbar. Gerade unser Kommunikationsverhalten stellt höchste Anforderungen an den Einzelnen und ist gleichzeitig massivsten Gefährdungen ausgesetzt. Wohl selten irgendwo tritt das wahre „Ego\" eines Menschen so in Aktion und Erscheinung wie im gegenseitigen Austausch, in der angemessenen Zurückhaltung im Reden und Schweigen. Unsere „Umgangs-Sprache\" könnte nur gewinnen, wenn wir in ihrem Gebrauch mehr auf das Herz und die inneren Töne achten würden. Anstand und Benehmen bestehen nicht nur aus Regeln und Formen, sie haben vor allem auch eine „Seele\", und diese lautet: Liebe, Sinn und Schönheit.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien