Geistlicher Impuls zum 15.10.2018

Benedikt widmet der Frage der Kleidung der Mönche ein ausführliches Kapitel. Angesichts der Verhältnisse von damals mag das überraschen. Andererseits sind Fragen der Kleidung erfahrungsgemäß nicht gerade nebensächlich. Leitmotive für die Regel auf diesem Gebiet sind Einfachheit, Genügsamkeit und Anspruchslosigkeit. Mancher mag sich als darüber erhaben vorkommen, die Praxis und die Erfahrung belehren uns nicht selten eines anderen. Die Kleiderfrage bildet ein Musterbeispiel dafür, wie abhängig wir zuweilen von sogenannten kleinen Dingen sein können. Jeder hat den einen oder anderen blinden Fleck. Im Laufe des Lebens treten diese Defekte stärker und wahrnehmbarer hervor. Genauso besitzt jeder seine bestimmten schwachen Seiten oder Vorlieben, die ihn das eine begünstigen und das andere vernachlässigen lassen. In der Regel handelt es sich hier um Kleinigkeiten, aber diese Kleinigkeiten gewinnen nach und nach immer mehr an Einfluss und Bedeutung. Wir hängen gleichsam unser Herz daran, so dass unsere Gedanken, Wünsche und Bestrebungen darum zu kreisen beginnen. Für Außenstehende sind solche Gewichtsverteilungen zuweilen völlig uneinsehbar und irrational. Es ist manchmal leichter, sich von Großem zu lösen als von Kleinem. Wer Großes wagt oder darauf verzichtet, der läuft Gefahr, sich an Kleines zu verlieren. Wir haben fast alle unsere kleinen Ecken und Nischen, in denen wir unsere völlig harmlosen Schätze oder Reichtümer verstecken. Inwieweit sind wir von ihnen abhängig und ihnen ergeben bzw. erlegen?

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien