Geistlicher Impuls zum 18.06.2013
»Das eigene Tun und Lassen jederzeit überwachen.« (Benediktsregel, 4. Kapitel, 48)
Dieses Wort spricht von der Selbstkontrolle des Menschen. Diese Forderung hat etwas mit dem Dienst eines Wächters zu tun. Wachsamkeit ist geradezu eine Grundtugend unseres Lebens. Im Wachwerden besteht eine, wenn nicht die zentrale Aufgabe unseres Menschwerdens. Der wache Mensch ist zugleich der wachsame und umgekehrt. Der Wachsame steht gleichsam auf dem Horchposten des Daseins. Er behält sich selber und seine Umgebung im Auge. Wie wach, wie wachsam sind wir eigentlich? Wachen und wachsam sein ist anstrengend, verlangt Aufmerksamkeit, kostet Selbstüberwindung, bedeutet Kampf gegen Schlaf, Schläfrigkeit und Müdigkeit. Wer wacht, der hält Augen und Ohren offen, er wartet auf das Signal, den Ruf oder Anruf.
Unser Leben, seine Intensität und Qualität hängen entscheidend mit unserer Wachsamkeit zusammen. Man kann sein Leben im Dösen, Schlaf oder Halbschlaf verbringen. In diesem Zustand weiß man im Grunde nicht, was im Leben steckt, was in ihm passiert. Nur der Wachsame lebt eigentlich. Er sieht vor und sorgt vor, er verliert sich nicht an die Vergangenheit, sondern behält die Gegenwart und die Zukunft im Sinn, er geht der Ablenkung und Zerstreuung aus dem Weg, er bedenkt, erwägt und überlegt. Der Wachsame lebt nicht nur im Advent, er lebt den Advent. Er gleicht dem gespannten Bogen. Es ist die Wachsamkeit, die unser Leben zu einem gespannten und spannenden Unternehmen macht. Darin steckt mehr als nur der Unterhaltungswert des Daseins. Die Wachsamkeit sorgt dafür, dass wir unser unverwechselbar und unvertretbar eigenes Leben entdecken, wahrnehmen und realisieren. Sie bewahrt uns davor, dass unser Leben zu einem Trümmerhaufen unerkannter Möglichkeiten und verpasster Gelegenheiten wird.
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts