Geistlicher Impuls zum 18.05.2013
»Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben.« (Benediktsregel, 4. Kapitel, 47)
Was soll man sich unter dieser Empfehlung vorstellen? Was soll man mit ihr anfangen? Wie soll man so etwas konkret anstellen? Geht es dabei um eine immer und überall zutreffende Praxis des „Memento mori“ (= Gedenke des Todes!)? Da wir den Tod als ein Tabu behandeln, fällt es uns schwer, ein angemessenes Verhältnis zu ihm zu entwickeln. Auch durch ein noch so hartnäckiges Verdrängen kommen wir am Tod nicht vorbei. Ob wir wollen oder nicht, der Tod stellt nun einmal eine Lebensaufgabe dar. Das heißt: Der Tod stellt unserem Leben eine Aufgabe, die wir nicht unterschlagen können. Unter diesem Aspekt begleitet und durchzieht er unser ganzes Leben, ist er bereits vor unserem Ende gegenwärtig. Er schickt uns seine Boten und Vorboten, er erinnert uns an die Unumkehrbarkeit, die Einmaligkeit und Endgültigkeit unseres Daseins. Der Tod selber ist sprachlos und macht uns sprachlos, er stellt ein Geheimnis dar und konfrontiert uns auf seine Weise mit dem Geheimnis unseres Lebens. Das Wissen darum muss uns keineswegs lebensüberdrüssig oder lebensmüde machen, es kann uns genauso gut die Augen für die Wahrheit des Lebens öffnen.
Für den Glaubenden gehört der Tod zu den sogenannten „Letzten Dingen“. Das Letzte kann für uns den Wert sowohl des Untersten und Äußersten wie auch des Höchsten in sich vereinigen. In der Gestalt des „Letzten Dinges“ enthält und enthüllt der Tod „letzte Möglichkeiten“ des Menschen und des Menschseins. Benedikt predigt keine Todessehnsucht, sondern vielmehr eine Einübung in die wahre Wertschau der Dinge, des Lebens und des Glaubens. Wer in diesem Sinn den Tod im Auge behält, der lebt bewusst in der Gegenwart, ist wachsam und voller Erwartung.
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts