Geistlicher Impuls zum 19.05.2013
»Der Mönch ist zufrieden mit dem Allergeringsten und Letzten und hält sich bei allem, was ihm aufgetragen wird, für einen schlechten und unwürdigen Arbeiter.« (Benediktsregel, 7. Kapitel, Vers 49)
Zeugnisse sind wichtig, ganz gleich, ob es sich um Schul- oder Arbeitszeugnisse, um ein ärztliches Zeugnis oder um Empfehlungsschreiben handelt. Sie erteilen Auskunft über uns, unsere Qualitäten und Leistungen, unseren Gesundheitszustand usw. Jeder normale Mensch legt Wert auf ein möglichst gutes Zeugnis. Davon hängt letztlich unser Platz im Leben, unsere Rangordnung in der Gesellschaft ab. Schließlich möchte man ja gerne in einer der vorderen oder oberen Reihen sitzen und nicht unbedingt unter den Schlusslichtern landen. So sucht sich begreiflicherweise jeder unter seinen Beurteilern den bestmöglichen aus. Was unsere Meinung über uns selber betrifft, so verstehen wir uns sehr wohl darauf, unsere guten Seiten im entsprechend günstigsten Licht zu präsentieren. Sieht man etwas genauer zu, was sich hier abspielt, dann entdeckt man darin eine Variante des ewigen Kreislaufs zwischen Ersten und Letzten, Siegern und Verlierern, Starken und Schwachen. Erfahrungsgemäß trägt diese Rollenverteilung nicht unbedingt zum allgemeinen Ausgleich und zur Zufriedenheit aller bei.
Lässt sich dieses Gesetz unterlaufen oder außer Kraft setzen? In einer Welt, in der Recht und Ordnung den Ton angeben, lässt sich die Verteilung von oben und unten nicht umkehren; sie lässt sich höchstens relativieren durch den Einzelnen und seine Selbsteinschätzung, an die sich der Appell Benedikts richtet. Wer sich selber freiwillig und bewusst an den letzten Platz stellt, der bricht aus dem Konkurrenzdenken aus und „hebt" die bestehende Ordnung von unten her „auf". Dort, wo er steht, gibt es nur noch „Aufstiegsmöglichkeiten", aber keinen „Abstieg" mehr. Diese Zukunftsvision beginnt bei der Einstellung des Einzelnen zu sich selber.
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts