Kontakt

eos Klosterverlag St. Ottilien

Sie sind hier: Startseite » Geistlicher Impuls » 23.04.

Newsletter Abonnieren

Geistlicher Impuls zum 22.05.2013

„Feindesliebe gilt als ein Erkennungszeichen des Christentums. Wir alle kennen Menschen, mit denen wir in einem unausgeräumten Konflikt oder sogar in einem tiefen Zerwürfnis leben. Ist angesichts dessen Feindesliebe überhaupt möglich? Oder ist sie ein Selbstbetrug, eine Selbstzerstörung?“

mehr...

Geistlicher Impuls zum 22.05.2013

»Das Böse... immer als eigenes Werk erkennen, sich selbst zuschreiben.« (Benediktsregel, 4. Kapitel, 43)

Wer spricht heute noch vom Bösen? Wir scheuen uns, Böses beim Namen zu nennen, geschweige denn, das eigene Böse einzusehen und einzugestehen. Jeder ist bestrebt, in der berühmten weißen Weste zu erscheinen. Was versucht der moderne Unschuldswahn nicht alles, um Untaten, Versagen und Schuld zum Verschwinden zu bringen! Wir sind höchst erfinderisch, wenn es darum geht, das eigene Böse zu verharmlosen oder auf andere zu schieben, das der anderen aber entsprechend über Gebühr ins Licht zu rücken. Was bleibt dabei nicht alles auf der Strecke! Die Wahrheit und Wahrhaftigkeit, die Liebe und die Gerechtigkeit, die Ehre und das Vertrauen und vieles andere... Dadurch, dass wir das Böse umgehen, ignorieren, wegerklären oder wegschaffen, wird das Leben selber keineswegs heller, echter, besser oder leichter. Ganz, im Gegenteil!

Es ist peinlich, von anderen mit dem eigenen Bösen konfrontiert zu werden. Die meisten empfinden das als Schande, Bloßstellung und Beleidigung. Ist der Weg, den Benedikt empfiehlt, wirklich so daneben? Dass Böses geschieht, dass wir selber auch Böses tun, ist eine Tatsache. Es löst und erledigt sich nicht von selber. Ja, es gibt keinen anderen Weg, als sich ihm zu stellen, sich von ihm stellen zu lassen. Das verlangt, dass man das eigene Böse anschaut, unvoreingenommen, ehrlich, offen und ungeschminkt. Das Böse ist nicht stumm, es verwickelt uns vielmehr in ein Gespräch, in dem sowohl die Wahrheit des Bösen wie die Wahrheit von uns selber an den Tag kommt. Es macht den besonderen Charakter dieses Gesprächs aus, dass allerhand Kräfte, Möglichkeiten und Einsichten, die in uns stecken, auf den Plan treten. Das aber bedeutet nicht Untergang, sondern Wegweisung.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts