Geistlicher Impuls zum 09.09.2010
»Den Leib in Zucht nehmen.« (Benediktusregel, 4. Kapitel, 11)
Leib und Zucht, diese beiden Stichworte erinnern an das Anliegen der Askese. Wir Menschen sind als endliche Wesen in den Leib eingebunden. Nach dem Zeugnis der Bibel ist unser Leib ein Werk des Schöpfergottes. Schön und beglückend von Gott gedacht, verdarb die Sünde, der Einfluss des Bösen die Ordnung Gottes. Auch der Leib wurde den Folgen der Sünde unterworfen. Offensichtlich fällt es dem Menschen nicht leicht, das Gleichgewicht zwischen Leibvergötzung und Leibfeindlichkeit zu wahren. Wir wissen, dass wir nicht nur mit dem Herzen und der inneren Gesinnung, sondern auch leibhaftig glauben. Es gehört zur vollen menschlichen Gestalt des Glaubens, dass uns das Evangelium auch in den Leib fährt, d.h. auch unseren Leib, seine Kräfte und Wünsche ein- und anfordert, formt und prägt.
Benedikt ist kein Freund übertriebener Askese, aber auch kein Anhänger bürgerlicher ererbter Mittelmäßigkeit. Sein sprichwörtlicher Sinn für das Maß, für Forderungen und Erfordernisse hat nichts mit farbloser Durchschnittlichkeit gemeinsam. Er bejaht den Leib und seine Welt, seine Notwendigkeiten, Fähigkeiten und Bedürfnisse, stellt ihn aber zugleich betont in den Dienst der Suche nach Gott, der Liebe zur Gemeinschaft der Brüder sowie der Pflege des Guten und der Tugend. Der Leib ist für ihn nicht nur Werkzeug, sondern Partner. Theoretisch würde es heute kaum mehr einem einfallen, Leib, Herz und Verstand zu isolieren, in der Praxis aber geschieht es nach wie vor. Manches, was unter dem Titel der Leibfreundlichkeit läuft, stellt sich bei klarem Licht besehen eher als verkappte Leibfeindlichkeit dar; man denke nur an bestimmte Erscheinungsformen des Spitzen- und Leistungssports oder die verschiedenen Ableger eines unkontrollierten Konsumverhaltens. Benedikt vertritt einen Lebensstil, der den Leib sinnvoll integriert. Wo stehen wir, wenn wir uns mit ihm vergleichen?
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts