Geistlicher Impuls zum 22.05.2013
»Wenn ihr das tut, blicken meine Augen auf euch, und meine Ohren hören auf eure Gebete; und noch bevor ihr zu mir ruft, sage ich euch: Seht, ich bin da.« (Benediktusregel, Prolog 18)
Menschen, die Liebhaber des Lebens sind, werden sich auf die Suche begeben. Suchen ist immer eine Entdeckungsreise. Wer etwas Bestimmtes sucht, wird dabei in der Regel allerlei zusätzliche Entdeckungen machen. Der Mensch, der dem Geheimnis und Geschenk des Lebens auf der Spur ist, wird – so versichert ihn Benedikt – Gottes und seiner Gegenwart inne. Sein Suchen steht unter dem Stern einer Verheißung, die lautet: Gott ist unterwegs und sucht mit ihm, indem er ihn mit aufmerksamen Augen und offenen Ohren begleitet. Das Problem für uns gottferne und gottscheue Menschen stellt im Fall Gottes nicht so sehr das Suchen und Suchenmüssen dar, sondern eher der Umstand, dass wir zu müde und gleichgültig sind, um uns auf die Suche zu begeben. Nicht Gott ist eigentlich fern oder abwesend, vielmehr sind wir es, die sich fortwährend seiner Gegenwart entziehen. Gott hat die Lust und Freude am Suchen nicht verloren. Sein Auge und Ohr sind unentwegt auf uns gerichtet. Liebe kann nicht aufhören, auf den anderen zu achten und ihn zu suchen.
Wir sind es gewohnt, unsere Beziehung zu Gott immer nur von unserer Warte aus in den Blick zu nehmen. Dieser Standort ist zumindest korrekturbedürftig. Was das für das Anliegen der Gottsuche bedeutet, sagt eine chassidische Geschichte von den zwei Knaben, die Verstecken spielten. Als der eine von ihnen nach langem Warten merkte, dass der andere ihn gar nicht gesucht hatte, beklagte er sich bei seinem Großvater, einem frommen Rabbi. Dieser tröstete ihn mit dem Hinweis auf Gottes Schicksal, der traurig bekenne: „Ich verberge mich, doch keiner will mich suchen.“
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts