Geistlicher Impuls zum 20.05.2013
»Ob ungünstige Ortsverhältnisse, Arbeit oder Sommerhitze mehr erfordern, steht im Ermessen des Oberen. Doch achte er darauf, dass sich nicht Übersättigung oder Trunksucht einschleichen.« (Benediktsregel, 40. Kapitel, Vers 5)
Was hier gesagt wird, wird von uns als Handlungsanweisung für einen konkreten Fall verstanden. Ob damit der Bedeutungsinhalt der Aussage schon erschöpft ist? Wir tun uns relativ leicht mit der Feststellung, ob eine Weisung noch zutrifft oder überholt ist, und stecken sie im Zweifelsfall schnell weg. Dabei bleibt der Hintergrund, die Einstellung oder Haltung unbedacht, denen sie eventuell entstammt. Benedikt kennt keine Vorliebe dafür, das Leben seiner Mönche auf dem Weg generalisierender Vorschriften zu reglementieren. Es gibt nahezu keine Bestimmung der Regel, die nicht mit einem Zusatz versehen wird, der die Rücksichtnahme auf die Einzelnen, die Kinder, die Alten, die Kranken, die Schwachen, die individuellen Bedürfnisse, die Sondersituationen und Verhältnisse zur Pflicht macht.
Die unter Menschen nun einmal vorhandenen oder auftretenden Unterschiede werden nicht als ungeliebte Störungen oder nicht sein sollende Ausnahmen empfunden, sondern respektiert und positiv in den bestehenden Lebensrahmen integriert. Der Geist, nicht der Buchstabe zählt. Der Geist verlangt und gewährleistet, dass auch Unterschiede sein können und dürfen. Sie werden als solche sehr wohl wahrgenommen und registriert; sie stellen an ihre Umgebung eine Chance und Herausforderung dar, die an die Fähigkeit und Kunst der Unterscheidung appelliert. Es gehört zum person- und sachgerechten Umgang mit Ausnahmen, Abweichungen und Unterschieden, dass sie nicht einfach totgeschwiegen, verharmlost oder überstrapaziert werden. Sie kosten ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl, Unterscheidungsgabe und Gewissenhaftigkeit, das alle Beteiligten in Pflicht nimmt. Nichts schadet so sehr wie eine allgemeine Niveaulosigkeit, die sich weigert, sich auf Menschen und Situationen einzustellen, und Lebensordnungen und Personen über einen Kamm schert.
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts