Geistlicher Impuls zum 19.06.2013
»Die Begierden des Fleisches nicht befriedigen.« (Benediktsregel, 4. Kapitel, 59)
Hinter diesem Wort steht die biblische Mahnung: „Lasst euch vom Geist leiten, dann werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen“ (Gal 5,16). Diese Aufforderung entstammt einem uns fremden Lebens- und Vorstellungsrahmen und ist daher schwer, wenn nicht sogar missverständlich. „Geist“ wie „Fleisch“ beziehen sich auf die Lebenshaltung oder -einstellung eines Menschen und bezeichnen einen Gegensatz, wobei mit „Fleisch“ eine egozentrische Auffassung gekennzeichnet wird. Hier wird der Bereich unserer „Begierden“ angesprochen, den man durchaus sehr weit fassen darf. Unter seine Klammer fällt alles, was mit unserem Begehren, Wünschen, Sehnen, Verlangen, Haben- und Besitzen-Wollen, Streben und Erstreben, Fordern und Erwerben zu tun hat.
Den Zustand des wunschlosen Glücks erreichen wir in unserem Leben wohl nur höchst selten. In der Regel löst ein Wunsch den anderen bei uns ab. Da gibt es Wünsche, die wir ganz laut und deutlich an unsere Umgebung kundgeben, andere wiederum führen eher ein Schlummer- oder Versteckdasein in uns. Das Wissen um die Endlosigkeit und Unersättlichkeit unserer Wünsche hat sich unsere Geschäfts- und Reklamewelt voll zu Eigen gemacht, ja sie erfindet zu den vorhandenen noch allerhand neue Wünsche und Bedürfnisse hinzu. Ihr suggestiver Slogan lautet: Wünsch dir was, als ob Geld und Preis dabei überhaupt keine Rolle spielen würden. Abgesehen davon, dass unsere Wünsche nicht nur gut und sinnvoll, sondern auch bedenklich, fragwürdig, gefährlich und zerstörerisch sein können, scheint die Verheißung der Erfüllbarkeit nahezu aller unserer Wünsche seelisch in uns eine Lawine loszutreten, die unser Wünschen und das Pochen auf Erfüllung immer despotischer werden lässt. Wohin das führt, sagt ungeschminkt ein Wort von Graham Greene: „Wer den Menschen die Hölle auf Erden bereiten will, der braucht ihnen nur alles zu erlauben.“ Kennen wir einen gesunden Abstand unseren Wünschen gegenüber?
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts