Geistlicher Impuls zum 18.05.2013
»Zwar neigt der Mensch schon von Natur aus zu barmherziger Rücksicht auf die Lage der Alten und der Kinder; doch soll auch durch die Autorität der Regel für sie gesorgt sein. Immer achte man auf ihre Schwäche.« (Benediktsregel, 31. Kapitel, Vers 7)
Der alte Mensch und das Kind markieren Altersstufen, die an den Rändern des Lebens stehen. Diese von der Natur bedingte Platzierung kann leicht in eine gesellschaftlich verfügte und mentalitätsmäßig bedingte Einstufung umschlagen. Der zum Kreis der Senioren zählende Mensch ist dann der unproduktive, der junge Mensch gilt als der noch nicht produktive. Es ist der Maßstab der Leistung, der über Wert oder Unwert des Menschen entscheidet. Was dabei zählt, ist immer nur die Gegenwart. Alte und Kinder, die einer Gesellschaft keinen großen wirtschaftlichen Nutzen bringen, halten ihr dennoch einen sehr wichtigen Spiegel vor Augen. An der Art, wie man mit den altersmäßig gegebenen Unterschieden umgeht, offenbart sich die Einstellung der Gesellschaft zum Menschen und Leben überhaupt. Sie appellieren an die verborgenen Tiefen und Kräfte unseres Herzens.
Kinder und Alte erinnern uns zudem an das Kind in uns und an das in zunehmendem Maß auf uns zukommende Alter. Virtuell tragen wir gleichsam alle Lebens- und Altersstufen in uns. Die Kindheit mit ihren positiven und weniger guten Erfahrungen wirkt nach und lebt in uns weiter, auch wenn uns das oft nicht bewusst ist. Potentiell nehmen wir in manchen Überlegungen und Entscheidungen unser Alter bereits vorweg. So sind Alter und Altern für jeden irgendwie auch voraussehbar. Kindheit und Alter gehören zu den stillen und selbstverständlichen Begleitern unseres Lebens. Sie konfrontieren uns unauffällig mit einer fortwährenden Aufgabe, nämlich unser jeweiliges Lebensalter in unserem Verhalten, Denken, Handeln einzuholen. Wir merken sehr genau, dass es dabei Rückfälle, Sprünge und Blockierungen, aber auch echte Wachstums- und Reifeschritte geben kann. Kinder und Alte sind also für einen Erwachsenen und sein Erwachsensein gar nicht so überflüssig, wie es zu sein scheint.
Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts