Geistlicher Impuls zum 20.10.2017

Es lässt sich darüber streiten, ob sich die Gedanken Benedikts zur Arbeit in die Bedingungen unserer Arbeitswelt übertragen lassen. An Versuchen dafür fehlt es nicht. Doch vor dieser Frage steht noch eine andere und grundsätzlichere, nämlich die, ob uns die Benediktsregel nicht dazu auffordert, über so manches Tabu und manche geschrieben-ungeschriebene Gesetze unserer Situation nachzudenken. Viele Anzeichen weisen darauf hin, dass die Arbeit selber neu überdacht, bewertet und verteilt werden muss. Manche Errungenschaften auf dem Arbeitssektor sind der Regel und Lebenswelt Benedikts selbstverständlich. Man denke an die Einrichtung des Bildungsurlaubs, der Fortbildung, der Teilzeitarbeit bzw. der schrittweise abnehmenden Teilzeitarbeit, des gleitenden Übergangs in die Pension usw. Das Kloster ist bekanntlich kein gewinnorientiertes Gemeinschaftsunternehmen; es kennt keine speziellen Betriebszwecke und weiß noch nichts vom modernen Marketing. Doch kann die profilierte Lebensweise eines Mönchs mit ihren eindeutig festgelegten Prioritäten den Vorteil mit sich bringen, dass bestimmte Fehlhaltungen und Fehler unserer Arbeitsweise schärfer in Erscheinung treten. Der Stolz auf die eigenen Fähigkeiten, das Verlangen nach Anerkennung und Selbstbestätigung, Leistungs- und Profitdenken, Arbeitssucht oder Flucht in die Arbeit, das Herausstellen der eigenen Unentbehrlichkeit – das sind Eigenschaften, die in der einfachen und überschaubaren Welt des Klosters sich nicht so leicht verstecken lassen und das Klima des Zusammenlebens und des Zusammenarbeitens erheblich stören können, auch jenseits der Klostermauern.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien