Geistlicher Impuls zum 20.08.2018

Für uns hören sich diese Sätze als historische Erinnerungen an. Sie stellen nur einen Ausschnitt von Aussagen dar, die sich mit den verschiedenen Zeiten im Leben der Mönche beschäftigen. Wir hören und lesen sie mit Ohren oder Augen, die nur ein oberflächliches, äußeres und nutznießerisches Verhältnis zur Zeit haben. Erschöpft sich ihre Bedeutung wirklich darin, bestimmte Zeiten zu regeln, festzulegen, einzuteilen? Oder spiegelt sich darin ein tiefer liegendes Verständnis von Zeit? Für Benedikt ist Zeit nicht einfach Zeit. Er ist vor allem kein Freund leerer Zeit, der Langeweile oder des Müßiggangs. Das heißt nicht, dass er gleichsam mit der Uhr in der Hand ein Verfechter tödlicher Hetze, atemloser Hektik oder pausenloser Rastlosigkeit ist. Ganz im Gegenteil, er macht uns auf eine verlorene Kostbarkeit aufmerksam, die in unserem gebrochenen Verhältnis zur Zeit keine Chance mehr hat: das Geschenk oder die Qualität geordneter, gegliederter Zeit. Was ist das: geordnete Zeit? Zeit ist nicht einfach eine Art Zeitbrei, der farblos und richtungslos verstreicht. Die Zeit, wie Benedikt sie sieht, kennt ihre eigenen Bewegungen und Gesetze, ihr klares Auf und Ab, ihr unumkehrbares Hin und Her. Keine Zeiteinheit gleicht der anderen, jede besitzt ihre Physiognomie, hinter der ein tieferer, inhaltlich verbürgter Sinn steckt. Diese Zeitskala weist ihre Höhepunkte auf, denen die vorausgehenden Zeiten zustreben und die in den folgenden Zeiten ausklingen. Es gibt einen Umgang mit der Zeit, der etwas weiß vom Atem und Atmen, von den sinnvollen Atemeinheiten der Zeit.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien