Geistlicher Impuls zum 18.02.2019

Benedikt macht den Abt auf eine Gefahr aufmerksam, die in seinem Amt begründet ist. Lehre und Leben, Wort und Tat können nicht übereinstimmen. Diese Gefahr stellt sich überall da ein, wo Menschen es mit Menschen zu tun haben; in der Erziehung, in der Schule und Seelsorge, in Lehre und Ausbildung, in Führung oder Unterweisung, in Beruf und Freizeit. Vor dieser Gefahr ist niemand sicher, der von Amts wegen zum guten Beispiel verpflichtet ist. Diese Gefahr wird durch den gegenwärtigen Trend zum Individualismus und die Betonung des Rechtes auf das Privatleben noch gesteigert. Es gibt Pflichten und Verpflichtungen, die sich durch keine Dienstordnung und keinen Dienstplan örtlich oder zeitlich beschränken lassen. Eltern, Erzieher, Seelsorger, Menschen mit einem moralischen Anspruch sind - was ihr Beispiel betrifft - rund um die Uhr im Dienst. Jedes Vorbild auf Zeit richtet und entwertet sich selbst. Bei uns ist es die Gesellschaft, die sich bestimmten Personen gegenüber zum Anwalt der Einheit von Wort und Tat macht und diese auch rigoros einfordert. Benedikt dagegen beruft sich auf Gott und Gottes Gebot als ausschlaggebende Instanz. Es stehen Horizontale und Vertikale als Begründungen nebeneinander. Bei wem ist die Forderung des guten Beispiels besser aufgehoben? Womit lässt sich besser leben? Das ist letztlich eine Frage der Motivation, die der Einzelne selber zu entscheiden hat. Die größere Freiheit und Sicherheit liegt ohne Zweifel auf der Seite Benedikts.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien