Geistlicher Impuls zum 14.11.2018

Wo Menschen zusammen sind, leben und arbeiten, da braucht es eine Platzordnung. Platzregelungen oder -anweisungen, wie Benedikt in seiner Regel sie trifft, sind gar nicht so komisch, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Natürlich hat das in vielen Fällen etwas mit Ordnung und einem geordneten Leben zu tun. Aber darin erschöpft sich noch nicht die Bedeutung des Platzes. Wir alle sind nahezu ständig auf der Suche nach unserem Platz, wir alle jagen nach Plätzen. Das Gerangel um die höheren, vorderen oder besten Plätze beherrscht das öffentliche wie private Leben. Jeder möchte gern einen guten Platz, keiner ist zufrieden mit einem minderen oder hinteren Platz. Der Platz, wo wir stehen oder den wir einnehmen, drückt etwas aus über unseren Wert, unsere Bedeutung, unsere Rolle, unser Können, unser Ansehen... Wer möchte nicht schon mit Vergnügen auf einem der vorderen Ränge sitzen oder eine Hauptrolle spielen? Der Kampf um Plätze beherrscht weithin unser Leben, bestimmt seinen Verlauf und kostet ein Übermaß an Zeit und Energie. Der Widerwille gegen den zweiten oder einen minderen Platz kann zu vermehrten Anstrengungen und Leistungen führen, kann aber auch Herzen und die Atmosphäre des Zusammenlebens vergiften. Wir alle nehmen auf der Skala der Plätze nicht nur einen fixen Posten ein, sondern mehrere. Das schafft einen gewissen Ausgleich und relativiert die Unterschiede. Unser Ansehen muss nicht an einem Platz kleben. Was bleibt, das ist eine gewisse Anfälligkeit gegenüber der Versuchung, die von der Hierarchie der Plätze und Platzierung ausgeht. Die Nüchternheit, mit der Benedikt dieser Tendenz begegnet, könnte auch uns gut tun. Er beruft sich bei der Festlegung der Rangordnung auf höchst objektive und neutrale Kriterien wie den Zeitpunkt des Eintritts; ihnen gilt seine Vorliebe. So ein Vorgehen könnte beispielgebend sein, auch heute.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien