Geistlicher Impuls zum 21.02.2017

Der Traum von der Einheit begleitet von jeher den Menschen und seine Geschichte. Die Verwirklichungsversuche dieser verlockenden Vision gleichen einer steilen Bergtour, die viele Aufstiege und Abstürze, aber keine Gipfelerlebnisse kennt. Die Wege, die man auf der Suche nach Einheit beschritten hat und beschreitet, können auf recht unterschiedlichen Feldern liegen: Einheit als politisches, wirtschaftliches, militärisches, kulturelles, pädagogisches, soziales oder religiöses Programm. Ein geradezu zeitloses Bild dieser vom Menschen unternommenen Einheitsbestrebungen wird uns in der Bibel in der Geschichte vom Scheitern des Turmbaus von Babel anschaulich vor Augen geführt (vgl. Gen 11,1-9). Bald ist es ein Zuviel, bald ein Zuwenig an Einheit, welches das Ideal der Einheit auf der Strecke bleiben lässt. Was auch immer der Mensch an Plänen und Anstrengungen in Richtung Einheit unternehmen mag, er baut zugleich immer auch in seine Konzepte den Faktor der Zerstreuung und Zerstörung ein. Wahre Einheit widersteht von ihrem Wesen her jeder Form von Machbarkeit, Gewalt, List, Bevormundung und Benachteiligung. Forscht man nach dem eigentlichen Konstruktionsfehler aller menschlichen Einheits- und Vereinigungsbemühungen, dann stößt man auf das Problem der Mitte. Sie alle zerbrechen daran, dass sie entweder eine falsche Mitte wählen, die unmöglich Mitte sein kann, oder dass sie diesen Punkt umgehen und verkennen. Benedikt baut seine Gemeinschaft um Gott oder Christus als Zentrum. Das ist Mitte nicht von unten und Menschen her, der sich jeder einzelne und darum auch alle aufgrund von freier Wahl und Entscheidung angelobt und verbunden wissen. Auf diese Weise kann Einheit werden.

Entnommen aus Christian Schütz OSB, Gesegneter Alltag. Lebensweisheit aus der Regel Benedikts

– Sankt Ottilien